Bewegender Dialog über Inklusion und gelebte Vielfalt in Wiesloch

Personen auf dem Bild von links nach rechts: Monika Gessat (Bürgerstiftung), Melek Benzer, Barakissa Tien-Wahser, Katharina Ebbecke (Lebenshilfe e.V.), Levin Wahser, Aynur Bagdelen (Partnerschaft für Demokratie) – Foto: Helmut Pfeifer

Ein eindrucksvoller Abend voller persönlicher Einblicke, gesellschaftlicher Reflexion und klarer Forderungen

Beim Podiumsgespräch „Eltern von Kindern mit Down-Syndrom im kulturübergreifenden Dialog“ im Casino der Kurpfalz-Werkstatt der Lebenshilfe Wiesloch standen die Erfahrungen von Familien im Mittelpunkt, die sich tagtäglich für Teilhabe und Anerkennung einsetzen.

Eingeladen hatten die Partnerschaft für Demokratie Wiesloch, der Verein Lebenshilfe Wiesloch e.V. und die Bürgerstiftung Wiesloch. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Aktionswochen gegen Rassismus und des Welt-Down-Syndrom-Tages statt: Der 21. März erinnert jedes Jahr daran, dass Vielfalt zum Leben gehört. Das Datum ist bewusst gewählt: 21.3. verweist auf die dreifache Ausprägung des 21. Chromosoms, die das Down-Syndrom kennzeichnet.

Drei Mütter mit und ohne Migrationsbiografie berichteten offen über ihren Alltag mit ihren Kindern, über Herausforderungen, aber auch über Erfolge und bereichernde Momente. Trotz unterschiedlicher Lebenswege verbinden sie ähnliche Erfahrungen – insbesondere der Wunsch nach einer Gesellschaft, in der ihre Kinder selbstverständlich dazugehören.

Auf dem Podium diskutierten Katharina Ebbecke, Melek Benzer und Barakissa Tien-Wahser unter der Moderation von Monika Gessat. Die Beiträge der drei Frauen machten die Vielfalt der Perspektiven deutlich – und zugleich die gemeinsamen strukturellen Hürden, mit denen Familien konfrontiert sind.

Katharina Ebbecke aus dem Vorstand der Lebenshilfe Wiesloch brachte nicht nur ihre langjährige Erfahrung aus den Einrichtungen ein, sondern auch ihre persönliche Perspektive als Mutter einer erwachsenen Tochter mit Down-Syndrom. Sie verwies auf bestehende Defizite bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und unterstrich die Bedeutung verlässlicher inklusiver Strukturen in Bildung, Arbeit und Betreuung. Dabei sei es wichtig als Eltern auf das eigene Kind zu hören und zu schauen, in welcher Schule oder welchem Arbeitsbereich es sich wohler und selbständiger fühle. Sie wünscht sich gemeinsame wettbewerbsarme Sportangebote für Kinder und Jugendliche mit und ohne Einschränkungen. Solche Angebote machen allen Freude, denn der Leistungsdruck fällt weg.

Melek Benzer kam vor acht Jahren mit ihrer Familie aus der Türkei, wo sie als Lehrerin arbeitete. Heute unterrichtet sie in Alphabetisierungs- und Integrationskursen. Ihre jüngste Tocher ist zehn Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Sie besucht die Inklusionsklasse einer Wieslocher Grundschule. Benzer berichtete eindrücklich davon, wie wichtig der Austausch mit anderen Eltern mit Down-Kindern ist. Sowohl in der Türkei als auch in Deutschland sei die Solidarität unter diesen Eltern bemerkenswert und sei für sie eine Kraftquelle gewesen, die ihr in schwierigen Zeiten geholfen habe. Die Vertrautheit und das Einander-Verstehen sei sprach- und kulturübergreifend. Von nichtbetroffenen Eltern wünscht sie sich mehr Empathie, Verständnis und Unterstützung.

Barakissa Tien-Wahser ist studierte Medizininformatikerin und kam vor 25 Jahren aus Burkina Faso. Sie gab Ausblicke auf den kommenden Lebensabschnitt ihres 21-jährigen Sohnes, der aktuell den Schritt in ein eigenständiges Wohnen vorbereitet – ein Meilenstein, der zugleich Chancen und neue Herausforderungen mit sich bringt. Sie berichtete von Mehrfachdiskriminierungen für Eltern mit Migrationsgeschichte. Diese begegne ihnen in Alltagssituationen aber auch in Beratungsgesprächen über Förderbedarf und passende Schulform. „Nachdem ich ein paar Fragen stellte, wurde mir deutlich vermittelt, Inklusion stehe uns eigentlich nicht zu, wir könnten uns glücklich schätzen, dass wir nicht mehr in Afrika, sondern in Deutschland seien und sollten dankbar sein.“ Die engagierte Mutter gründete in Sandhausen einen Verein für Inklusion und Unterstützung mit dem Namen LEVIN e.V.

Levin, das ist der Vorname ihres Sohnes, erzählte auf dem Podium von sich: Er spiele Handball bei den Wieslocher Wieseln und wolle Filmemacher werden. Er habe bereits einen YouTube Kanal, wo er nach einem spannenden Praktikumstag im Rathaus Sandhausen ein Interview mit dem Bürgermeister veröffentlichte.  

Alle drei Mütter betonten die Solidarität der Eltern von Kindern mit Down-Syndrom untereinander: „Man erkennt sich und weiß, wie es dem anderen geht. Weil man es selbst erlebt hat. Man ist sich sofort sehr vertraut und möchte sich gegenseitig unterstützen.“

Der Abend machte deutlich: Vielfalt ist keine Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Vielmehr ist sie anzuerkennen und wertzuschätzen. Es reicht nicht aus, Inklusion nur als politisches Ziel zu formulieren, vielmehr muss sie im Alltag von allen gelebt werden. Die UN-Behindertenrechtskonvention mit dem Recht auf Teilhabe darf kein bloßes Versprechen bleiben.

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