Aus der Rhein-Neckar-Zeitung, 10.1.2006

Die „Bürgerstiftung Wiesloch“ stand im Mittelpunkt des diesjährigen Neujahrsempfangs – Am 16. Februar gibt es ein erstes Treffen.

Wiesloch. (pen) Viele hundert Hände musste Oberbürgermeister Franz Schaidhammer an diesem Sonntag schütteln. Zum Neujahrsempfang im Palatin begrüßten er und die gesamte Rathausspitze jeden Bürger mit Handschlag. Zum ersten Mal fand der traditionelle Neujahrsempfang der Stadt nicht im Rathaus, sondern im Palatin statt. Bisher waren beim Empfang im Rathaus immer bestimmte Gruppen aus der Bevölkerung eingeladen gewesen. In diesem Jahr hatte das Stadtoberhaupt alle Bürger eingeladen. Diese waren der Einladung dann auch gerne gefolgt, so dass der OB noch lange am Eingang zum Staufersaal Hände schüttelte, bis der Saal ganz gefüllt war. Unter den Gästen waren auch die Bürgermeister der Nachbargemeinden und Staatssekretär Michael Sieber.

Mit etwas Verspätung startete dann das offizielle Programm, das vom Sinfonieorchester der Musikschule Südliche Bergstraße unter Leitung von Clemens Hettler mit der Ouvertüre zu „Idomeneo“ von Wolfgang Amadeus Mozart musikalisch eingeleitet wurde. Moderiert wurde der Abend vom
Erziehungswissenschaftler Dr. Reinhold Miller, der gemeinsam mit anderen Mitstreitern eine „Bürgerstiftung Wiesloch“ ins Leben rufen will.

Die Region rückt zusammen

Zu Beginn ging OB Franz Schaidhammer in seiner Begrüßungsansprache auf die wichtigsten Ereignisse im vergangenem Jahr für die Stadt und die Region ein. Thema war dabei natürlich auch die Metropolregion Rhein-Neckar und die Unterzeichnung des Staatsvertrages zwischen Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz, der die rechtlichen Voraussetzungen für das Zusammenrücken der Region und für die gemeinsame Raumplanung schafft. „Einen großen Schritt in die richtige Richtung“ nannte Schaidhammer den Vertrag.

Um die Nutzung gemeinsamer Stärken geht es ebenso bei der interkommunalen Zusammenarbeit der Städte Wiesloch und Walldorf, die mit dem Doppelzentrum feste Strukturen bekommen hat. Jetzt sei die Bevölkerung aufgefordert, ihre Vorschläge und Ideen einzubringen. Bei der Auftaktveranstaltung am 10. März in den Räumen der MLP in Wiesloch wird es auch um die Frage gehen, wie sich die Metropolregion auf das Doppelzentrum auswirkt.

Ein Thema, mit dem sich die Gemeinderäte beider Städte in den letzten Wochen intensiv beschäftigten, ist das geplante Fußball-Stadion für rund 30.000 Zuschauer, das SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp bauen will. Zwei der vier Standortalternativen liegen im Bereich des Bahnhofes Wiesloch-Walldorf. Die Entscheidung soll in drei Monaten fallen.

Verbesserung des Brandschutzes

Zu den eher unspektakulären Maßnahmen der Stadt gehörte im Jahr 2005 die Verbesserung des Brandschutzes an den Wieslocher Schulen. Insgesamt eine halbe Million Euro wurde ausgegeben, um die Schulen im Brandfall sicherer zu machen, berichtete der OB. Auch auf die Arbeitsmarktsituation in Wiesloch ging Franz Schaidhammer in seiner Rede ein. Hier gebe es zwei gegenläufige Entwicklungen. Die Zahl der Arbeitsplätze habe mit 15.500 ihren Höchststand erreicht, die Zahl der Arbeitslosen mit 1.100 allerdings auch. Die Ursache liege darin, dass die angebotenen Arbeitsplätze vor allem für Akademiker oder Menschen mit besonders hoher Qualifizierung seien. Ausbildung sei daher das wichtigste Rüstzeug für Kinder und Jugendliche. Die Stadt habe in den letzten Jahren aufgrund der sinkenden Steuereinnahmen bei gleichzeitig wachsenden Sozialleistungen in allen Bereichen gekürzt und gespart – jedoch nicht bei den Schulen. „Darin, und nicht in neuen Gebäuden, sehen wir die Zukunftsinvestition unserer Stadt“, meinte Schaidhammer.

Mit dem Thema „Bürgerstiftung Wiesloch“ beschäftigte sich dann der Hauptredner des Abends, Professor Christian Pfeiffer. Der von zahlreichen Fernsehauftritten her bekannte Kriminologe ist seit 1987 Direktor des Kriminologischen Instituts Niedersachsen und Gründer der Bürgerstiftung Hannover. Bekannt ist er auch durch seine Veröffentlichungen und Vorträge zum Thema „Medienverwahrlosung“. Vor wenigen Wochen wurde in der Rhein-Neckar-Zeitung unter der Überschrift „Fernsehen versaut Noten und Charakter“ über sein jüngstes Forschungsergebnis berichtet.

In einem sehr unterhaltsamen Vortag mit gekonnter Rhetorik ging der Gastredner auf die Entstehung der Bürgerstiftung Hannover ein, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Bürger und Wirtschaftsunternehmen der Region Hannover zum Engagement zu ermutigen. Die Idee der „Community Foundation“ habe er vor neun Jahren bei einem Besuch in New York kennen gelernt. Die dortige Stiftung habe ihren Sitz in einem riesigen Wolkenkratzer und verfüge über ein Stiftungskapital von 1,8 Milliarden Dollar.

Sehr viel bescheidener sind die rund 80 Stiftungen in Deutschland. Die meisten beginnen mit einer Startsumme von rund 1000 Euro pro Person. So stehen am Anfang dann auch eher kleinere Projekte im Vordergrund. Da viele Menschen den amerikanischen Leitgedanken „Founding is fun“ spürten, steige die Zahl der Mitstreiter täglich. Etwa 5000 Menschen seien in Deutschland in Bürgerstiftungen engagiert, berichtete Pfeiffer. Er selbst habe von seinem Engagement auch profitiert: „Nichts hat mein Leben mehr bereichert als diese Bürgerstiftung.“ Anschließend gab er den Wieslocher Initiatoren noch einige Empfehlungen mit auf den Weg. So sei es wichtig, transparent zu machen, was mit dem Stiftungsgeld geschehe. Den Menschen, die sich für die Stiftung einsetzten, müsse Wertschätzung entgegengebracht werden: „Feiern sie die Menschen.“ Er riet den Wieslochern auch, nicht den Fehler zu machen, alle Projekte selbst durchzuführen, da dies viel Kraft koste. „Mein Wahlspruch ist: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann hole dir nicht Männer, die bauen können, sondern lehre den Menschen die Sehnsucht nach dem Meer“, so Christian Pfeiffer.

Nachdem das Sinfonieorchester mit Georges Bizets Marsch aus „Carmen“ für ein musikalisches Zwischenstück gesorgt hatte, informierten Reinhold Miller, Dr. Brigitta Martens-Aly und Lars Castellucci über die Initiative „Bürgerstiftung Wiesloch“. Die Initiative wurde im Frühjahr dieses Jahres ins Leben gerufen, um eine gemeinnützige, überkonfessionelle und überparteiliche Stiftung von Bürgern für die Menschen der Stadt Wiesloch zu gründen. Ziel der Bürgerstiftung ist die Förderung von Maßnahmen, die der Chancengleichheit, dem sozialen Frieden, dem Mit-

einander der Kulturen und Generationen und einer nachhaltigen Stadtentwicklung dienen, insbesondere in den Bereichen Jugend, Familie und Senioren. Gleichzeitig sollen finanziell bedürftige Personen und Familien unterstützt werden.

Die Bürger können sich einbringen

Um die Stiftungszwecke umzusetzen, werden eigene Projekte initiiert, Projekte anderer gefördert und Menschen in Notlagen direkt oder über bewährte Organisationen unterstützt. Die Bürger könnten sich mit materiellen und auch immateriellen Beiträgen einbringen. Als Gründungsstifter gelten alle, die bis zum 31. März einen Beitrag von mindestens 1000 Euro überwiesen haben. Sie bestimmen auch in der Stiftungsversammlung die weiteren Geschicke der Stiftung. Im Initiativkreis sind bereits 21 Bürger engagiert. Sie wurden am Neujahrsempfang auf die Bühne geholt und hatten dann Gelegenheit, über die Gründe für ihr Engagement zu sprechen.

Zu diesem Kreis gehört auch der ehemalige Wieslocher Bürgermeister Heinz Bettinger. „Mir gefällt es sehr gut, dass die Bürgerstiftung nicht behördliche Defizite ausgleichen will, sondern die öffentliche Hand ergänzt“, so Bettinger. „Man muss nicht erst reich werden, um hier mitzumachen“, erklärte Jacqueline Lenz ihre Motive. Mit der Bürgerstiftung werde eine Lücke im sozialen Netz geschlossen, meinte Klaus Deschner.

Mit „Pomp and Circumstances“ von Sir Edward Elgar sorgte das Sinfonieorchester für den krönenden Abschluss des Neujahrsempfangs der Stadt Wiesloch.

INFO: Weitere Informationen zur Bürgerstiftung Wiesloch gibt es bei Bürgermeisterin Ursula Hänsch, Telefon 0 62 22/84-229. Ein erstes Treffen aller Stifter und Gründungsmitglieder findet am Donnerstag, 16. Februar, um 19 Uhr im Bürgersaal des Alten Rathauses statt.

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