Aus der Rhein-Neckar-Zeitung vom 21.12.2005:

Bürgerstiftung will sozialen Zusammenhalt stärken

Initiativkreis stellt das Projekt einer „Bürgerstiftung Wiesloch“ vor – Eine Einrichtung von Bürgern für Bürger – Es werden noch Stifter gesucht.

Wiesloch. (oé) Das Problem ist überall dasselbe: Die öffentliche Hand hat immer weniger Geld,während die sozialen Herausforderungen wachsen. Das gilt auch für Wiesloch, wo die Finanznot der Stadt wohl noch auf Jahre hinaus eine strenge Sparpolitik erzwingt. Dies geht zwangsläufig auch zu Lasten vieler sozialer Projekte, die geringere oder gar keine kommunalen Zuschüsse mehr erwarten dürfen.

Zugleich wächst die Notwendigkeit solcher Projekte, da auch die private Armut zunimmt und immer mehr Menschen auf Hilfe angewiesen sind, die die öffentliche Hand immer weniger leisten kann. Wie das Dilemma lösen? Eine Reihe von Wieslocher Bürgern hat auf diese drängende Frage eine Antwort parat: Sie haben einen Initiativkreis gebildet mit dem Ziel, in Wiesloch eine Bürgerstiftung zu gründen, die den sozialen Zusammenhalt in der Stadt stärken, die Chancengleichheit fördern und das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge schärfen will.

Drei der zwölf Initiatoren, nämlich Lars Castellucci, Dr. Reinhold Miller und Dr. Brigitta Martens-Aly, haben das Projekt jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt. Den Rahmen bildete ein Pressegespräch bei Wieslochs OB Franz Schaidhammer, der dem Initiativkreis ebenfalls angehört. Darin haben sich namhafte Persönlichkeiten Wieslochs zusammengefunden, darunter auch Repräsentanten beider Kirchen und der Politik.

Grundidee der „Bürgerstiftung Wiesloch“ ist es, „privates Vermögen für die Gemeinschaft nutzbar zu machen“, erklärte Lars Castellucci. Man will wohlhabende Bürger gewinnen, die etwas von ihrem Geld oder auch ein Vermächtnis in die Stiftung einbringen, um damit Menschen in Not zu helfen. Dieser Gedanke war auch Ausgangspunkt für das Engagement von Dr. Reinhold Miller. Beispiele individueller Armut hatten ihn betroffen gemacht. Sein erster Ansatz war gewesen, „anonyme Partnerschaften“ zwischen Wohlhabenden und Bedürftigen zu vermitteln. Über den OB erfuhr er dann von der Idee einer Bürgerstiftung, in der er sich heute „sehr, sehr aufgehoben“ fühlt.

Die Bürgerstiftung versteht sich als eine Einrichtung von Bürgern (und Bürgerinnen) für Bürger und soll gemeinnützig, überparteilich und überkonfessionell sein. Vor allem will sie eine nachhaltige und auf Dauer angelegte Hilfe gewährleisten, indem sie einen Kapitalstock aufbaut, aus dessen Zinsen dann die Hilfe finanziert wird. Darin liegt natürlich „eine große Herausforderung“, wie Lars Castellucci deutlich machte. „Angesichts der marktüblichen Zinsen braucht es schon ein ordentliches Kapital, damit die Geschichte laufen kann“, sagte er.

Bislang haben sich zwölf Gründungsstifter zusammengefunden. Jeder, der Gründungsstifter werden will, muss einen Mindestbetrag von 1000 Euro in den Kapitalstock einbringen. Er hat dafür Zeit bis zum 31. März 2006. Nach diesem Stichtag werden die Gründungsstifter eingeladen, um die „Bürgerstiftung Wiesloch“ endgültig zu konstituieren. Die Initiatoren hoffen nun, dass möglichst viele diesem Appell folgen, zumal eine Beteiligung auch steuerliche Vorteile bringen kann. Selbstverständlich kann man auch niedrigere Summen einbringen, allerdings dann ohne das Privileg, Gründungsstifter zu sein.

Andere Kommunen sind bei der Bildung einer Bürgerstiftung schon mit gutem Beispiel vorangegangen – und zwar keineswegs nur große Städte. Ein Beispiel aus der näheren Umgebung ist die Stadt Eberbach. Dort konnte Lars Castellucci zufolge binnen weniger Jahre ein Stiftungskapital von knapp 500000 Euro zusammengebracht werden. In Wiesloch, dessen Bürgerstiftung mit etwas Glück die hundertste in Deutschland werden könnte, erhofft man sich einen ähnlichen Erfolg.

Wichtig ist den Initiatoren, dass die neue Bürgerstiftung „keine Konkurrenz“ zu bestehenden wohltätigen Einrichtungen sein soll. „Ich glaube, wir können etwas Neues anbieten, das eine bestimmte Zielgruppe anspricht“, ist Castellucci optimistisch.

Wofür die Mittel der Stiftung verwendet werden könnten, erläuterte Dr. Brigitta Martens-Aly. Einen Schwerpunkt bildet natürlich die direkte Unterstützung von Menschen in Not. Zumal die bereits vorhandene Steingötter-Greiff-Stiftung der Stadt von ihrer Ausschüttung her diese Aufgabe nicht mehr allein bewältigen kann.

Daneben will die Bürgerstiftung aber auch Projekte unterstützen – vorhandene ebenso wie solche, die erst noch entstehen sollen. Frau Martens-Aly könnte sich etwa eine Anschubfinanzierung für ein Projekt „Wieslocher Tafel“ vorstellen, bei dem kurz vor dem Verfallsdatum stehende Lebensmittel gegen wenig Geld an Bedürftige abgegeben werden.

Die Bürgerstiftung könnte auch einspringen, wenn Kinder nicht an Ferienfahrten oder anderen Freizeitangeboten teilnehmen können, weil die Eltern kein Geld haben. Ein anderes Beispiel wäre die Sprachförderung für deutsche und Migranten-Kinder: allesamt Projekte, die „den sozialen Frieden in der Stadt bewahren“ helfen sollen.

Auch wo Umweltschutz und soziale Aspekte zusammenfallen, sehen die Initiatoren ein mögliches Betätigungsfeld für die Bürgerstiftung. Brigitta Martens-Aly nannte als Beispiele ein „Natur-Tagebuch“ (bei dem Kinder die Natur erleben und ihre Eindrücke aufschreiben) oder das Pflanzen einer „Bürger-Streuobstwiese“ (analog zum Bürgerwingert). Sogar die Auslobung eines Musikpreises ist denkbar. Projekt-Ideen gibt es OB Schaidhammer zufolge viele. Entschieden ist aber noch nichts. Das bleibt der Stiftungsversammlung vorbehalten, und die kann möglicherweise ganz andere Ideen entwickeln, wie der OB betonte.

INFO: Ansprechpartner bei Rückfragen zur Bürgerstiftung Wiesloch ist die Erste Bürgermeisterin Ursula Hänsch, Telefon 06222/84229. Die Konten der Bürgerstiftung sind: Konto-Nummer 33707 bei der Volksbank Wiesloch, BLZ 67292200; und die Konto-Nummer 50007235 bei der Sparkasse Heidelberg, BLZ 67250020.

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