Rhein-Neckar-Zeitung, 18.06.2009

Vortrag von Dr. Angelika Zahrnt zum neuen Schwerpunkt „Nachhaltigkeit“ der Bürgerstiftung

Wiesloch. (seb) „Wir reden mehr über Nachhaltigkeit als wir tatsächlich tun“, sagte Dr. Angelika Zahrnt. Sie referierte über „Nachhaltigkeit“, das neue Schwerpunktthema der Bürgerstiftung Wiesloch. Dr. Zahrnt stellte auch die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Sie ist promovierte Volkswirtschaftlerin und gehört dem Nationalen Rat für nachhaltige Entwicklung an.

Nachhaltigkeit beinhaltet ihr zufolge, die Umwelt zu schützen, Ressourcen zu schonen und die Armut zu beseitigen. Die Bilanz ist laut dem statistischen Bundesamt jedoch ernüchternd: Die Ziele, die sich die Bundesregierung gesetzt hat, wurden zu zwei Dritteln verfehlt. Zwar gebe es mehr Radwege, Solaranlagen auf den Dächern, viele Windanlagen, auch fairen Handel, „aber deswegen zu glauben, es tue sich was, ist Selbstbetrug“. Die Wirtschaft stehe immer noch an erster Stelle, dann komme Soziales und wenn noch etwas übrig sei, ziehe man die Ökologie in Betracht.

Eine Änderung unseres Lebensstils sei unerlässlich, meinte Angelika Zahrnt. Gerade in der derzeitigen Wirtschaftskrise sei es wichtig, Nachhaltigkeit verstärkt öffentlich zu diskutieren. „Wir können nicht dauerhaft auf Pump leben, finanziell nicht, ökologisch nicht.“ Die Referentin kritisierte Aussagen der Politiker, wonach die Krise nur eine Art Unfall und schnell wieder vorbei sei. „Auch vor der Krise hatten wir keine heile Welt“, meinte sie und verwies auf Arbeitslosigkeit, Kinderarmut und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Kritisch bemerkte sie, dass die Berater immer noch dieselben seien, die die Regierung schon in die Krise begleitet hatten. Die Kanzlerin handle obendrein nicht konsequent, meinte Angelika Zahrnt. Kanzlerin Merkel trete auf internationalen Konferenzen als Klimaschützerin auf, verhindere aber beispielsweise eine europäische Vereinbarung, den Schadstoffausstoß von Autos zu verringern.

Notwendig seien neue globale Übereinkünfte zum Wandel des Lebensstils, der Abschied vom exzessiven Ressourcenverbrauch, von der Konsumgesellschaft und dem „Credo des unbegrenzten Wirtschaftswachstums“. Man müsse Rücksicht auf die Umwelt nehmen, also sei es schlicht unmöglich, dass die Wirtschaft endlos weiter wächst. Doch da gibt es ein „Defizit in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“, wie Angelika Zahrnt feststellte. Denn ein anerkanntes Konzept für „Wohlstand ohne Wachstum“ ist noch nicht entwickelt worden. Auch Vollbeschäftigung ist ihrer Ansicht nach nicht erreichbar, womöglich müsse die Arbeitszeit insgesamt reduziert werden, wie bereits in skandinavischen Ländern und Holland geschehen.

Dass es nicht genüge, die Effizienz technischer Geräte zu steigern, um Nachhaltigkeit zu erreichen, machte die Referentin an einem kuriosen Beispiel für Kanzlerin handelt inkonsequent menschliche Denkfehler deutlich: Je sparsamer nämlich Motoren seien, desto mehr werde mit dem Auto gefahren, je wirkungsvoller die Kühlschränke, desto größer würden sie. Es zeichnet sich Angelika Zahrnt zufolge eine „Renaissance der Region“ ab. Es finde eine Abkehr von der Export-Orientierung statt, es lohne sich wegen der steigenden Treibstoffkosten stellenweise nicht mehr, Waren über weite Strecken zu transportieren. Die Kommunalpolitik müsse also umdenken, kleine und mittlere Unternehmen fördern, sich regionalen Produkten und Dienstleistungen zuwenden. „Die Bürgerstiftung imponiert mir“, sagte Angelika Zahrnt. Der Agenda-21-Prozess erlahme vielerorts, viel zu oft höre sie „Klagelieder“ über nachlassendes Engagement. Dass dies in Wiesloch ganz anders sei, lobte sie ausdrücklich und rief die Bürgerstiftung dazu auf, verstärkt am Leitbild „zukunftsfähiges Wiesloch“ zu arbeiten. Unter anderem riet sie zu einem Gesamtentwurf, in dem alle geplanten Projekte zum Thema „Nachhaltigkeit“ systematisch gebündelt werden. Der Entwurf sollte die Ziele klar umreißen und den Zeitpunkt festlegen, zu dem sie umgesetzt sein sollten. Die Besucher diskutierten anschließend intensiv mit der Referentin. Themen waren unter anderem die weltweite Bevölkerungsentwicklung, die gerechte Verteilung des Wohlstands, die wachsende Staatsverschuldung und Möglichkeiten, das Verhalten der Menschen zu beeinflussen.

Info: Die Bürgerstiftung Wiesloch lädt heute zum Aktionstag „Vor Ort aktiv“ ein. Ab 15.30 Uhr informiert die Stiftung auf dem Marktplatz rund um das Bücherregal über ihre Projekte.

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