Klimaschutz als Thema einer Kleinstadt – kann Wiesloch hier von Tübingen lernen?

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, luden die Bürgerstiftung und die VCD-Ortsgruppe Wiesloch „Move“ den Oberbürgermeister Tübingens, Boris Palmer, zu einem Vortrag ein. Denn er hat mit ungewöhnlichen Ideen und Aktivitäten unter dem Slogan „Tübingen macht blau“ den Klimaschutz in seiner Stadt ein großes Stück vorangebracht.

Rhein-Neckar-Zeitung, 11.04.2013

Boris Palmer: Ein Entertainer in Sachen Umweltbewusstsein

Tübingens Oberbürgermeister sprach in Wiesloch mit Humor und Überzeugungskraft über die Klimaschutzkampagne seiner Stadt

Wiesloch. (hds) Farbenspiele sind in der Politik die Regel. Dass aus „grün“ aber „blau“ wird, ist eher ungewöhnlich. Nicht so in der Universitätsstadt Tübingen. Des Rätsels Lösung präsentierte Boris Palmer, seit 2007 Oberbürgermeister der schwäbischen Studentenmetropole.

Der grüne Politiker, im blauen Anzug auf Einladung der Bürgerstiftung Wiesloch und von „Move“ ins Kulturhaus der Weinstadt gekommen, präsentierte unter dem Titel „Tübingen macht blau“ die fröhliche städtische Klimaschutzkampagne, die er selbst 2008 ins Leben rief.

Palmer gestaltete seinen Vortrag mit Humor, Charme, Eindringlichkeit und Überzeugungskraft und erläuterte auch die eher ungewöhnliche Farbauswahl. „Blau steht für unseren Planeten, Solarzellen schimmern blau und selbst die heimische Autoindustrie wirbt inzwischen mit dieser Farbe.

Zudem ist blau nicht parteipolitisch besetzt.“ Palmer verzichtete bewusst auf technische Details. „Mir geht es heute nicht um Zahlenspiele und Statistiken, ich will über das umfassende Engagement zum Thema Energieeinsparung und Klimaschutz in unserer Stadt berichten.“

Dies tat er denn auch, zeigte vor allem auf, dass der „gemeinsame Weg“ der Erfolgsgarant ist. „Wir leben unsere Postulate und Anregungen bewusst vor, nehmen dann die Begeisterten mit ins Boot und erreichen damit große Erfolge“, meinte der Tübinger OB. Vorbildlich ist dabei die Stadtverwaltung selbst. Es mache keinen Sinn, Ideen zu konzipieren, ohne diese selbst vorzuleben.

Er belegte dies anhand der umfangreichen Gebäudesanierungen, die in jüngster Vergangenheit durchgeführt wurden – mit Vorbildfunktion der städtischen Immobilien. Ein kommunales Energiemanagement kommt hinzu, in erster Linie dirigiert und organisiert von den eigenen Stadtwerken, der Schnittstelle zur Bürgerschaft.

Was allerorten diskutiert und beraten wird, ist in Tübingen bereits Realität. „Wir reden nicht, wir handeln“, ist dabei die oberste Maxime des Querdenkers Palmer. Beim Erreichen des gesteckten Ziels, im Jahre 2020 nur noch auf einen Jahresverbrauch von drei Tonnen CO2 pro Kopf zu kommen, ist man auf einem guten Weg – auch wenn noch viele Aufgaben und Herausforderungen auf die umweltbewusste Stadt warten.

„Im Bundesdurchschnitt liegt der jährliche CO2-Wert bei etwa zehn Tonnen“, verweist Palmer stolz auf das bisher Erreichte. Und das kann sich sehen lassen: So wurde beispielsweise der Wärmeverbrauch um 25 Prozent reduziert, der „blaue“ Ökostrom verzeichnet einen rasanten Zuwachs. Dies geschieht allerdings nicht von selbst, vielmehr rührt das Team um Palmer kräftig die Werbetrommel. „Entertainment ist auch in Sachen Umweltbewusstsein ein entscheidender Faktor“, verweist er auf den ständigen Dialog mit den Bürgern.

Das einheimische Handwerk ist mit eingebunden, es werden spezielle Aktionen in Sachen Heizungspumpen durchgeführt, Mundpropaganda spielt eine entscheidende Rolle und die Verbindung „umweltbewusst handeln und dabei Geld sparen“ ist in Tübingen der Renner.

Mit großer und wachsender Begeisterung haben sich die Tübinger auch längst für das Thema „Auto teilen“ interessiert, derzeit sind es fast 2000 Nutzer, die sich einen fahrbaren Untersatz im Wechsel gegenseitig zur Verfügung stellen. „Damit haben wir, bei rund 90 000 Einwohnern, eine optimale Dichte in diesem Bereich. Vor allem auch im Vergleich zu anderen Kommunen haben wir da die Nase vorn“, sagte Palmer.

Wolfgang Widder von der VCD-Ortsgruppe „Move“ in Wiesloch konnte da nur neidisch blicken und auch Oberbürgermeister Franz Schaidhammer, auf dessen Vermittlung der Palmer-Besuch zustande kam, fand wenig Gemeinsamkeiten zwischen der Weinstadt und der Vorzeigestadt im Schwäbischen. „Dennoch, es gibt einen gemeinsamen Nenner und der ist das bürgerschaftliche Engagement in beiden Städten“, meinte Wieslochs Rathauschef und hob dabei insbesondere die vielfältigen Aktivitäten der Bürgerstiftung, auch gerade im Umweltschutz, hervor.

In Staunen versetzte Palmer die Zuhörerschaft dann mit Hinweisen auf eher einfache, aber höchst wirkungsvolle Aktionen, die bei der Vorsitzenden der Bürgerstiftung, Annegret Sonnenberg, bereits auf fruchtbaren Boden fielen. Spezielle Begeisterung löste eine „Abwrackprämie“ für energiefressende Kühlschränke aus.

„Wir zahlen bei Neukauf eines umweltfreundlichen Produktes einen Zuschuss, haben unsere lokalen Geschäftsleute intensiv eingebunden und erzielen damit gute Erfolge.“ All die vielen Einzelmaßnahmen sind es nach Ausführungen Palmers, die zum Erreichen der gesteckten Ziele führen. Nach dem Motto „Kleinvieh macht auch Mist“ setzt in Tübingen auf ein durchdachtes Puzzle an Energiesparmaßnahmen.

„Wir bauen weiter unsere Radwege aus, sind dabei, einen Plan auszuhecken, wie man den öffentlichen Nahverkehr noch optimal gestalten kann – bis hin zur kostenlosen Nutzung – ich finde es besser, solche Dinge zu finanzieren als unnötiges Geld für Parkhäuser auszugeben“, resümierte Palmer.

Er selbst ist längt auf ein Dienstfahrrad umgestiegen, nachdem bei seinem Amtsantritt noch das Vorzeigemodell einer schwäbischen Nobelmarke vor der Tür stand. Nach untauglichen Versuchen mit spritsparenden Alternativen in kleinerer Ausführung war der Schritt zum Drahtesel für Palmer quasi vorgezeichnet. „Auf meinem einstigen Dienstparkplatz stehen jetzt übrigens zwei Kleinwagen aus dem Projekt ’Autoteilen’. So einfach geht das.“ Beifall für einen interessanten und vor allem kurzweiligen Vortrag.

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